#009 Scherenschleifer, Geiger, Überlebender

Shownotes

Wie erwachen literarische Figuren zum Leben und welche Schicksale treiben eine Geschichte an? In diesem Impuls gewährt die Autorin Susanne Schulz einen persönlichen Einblick in ihre Schreibwerkstatt. Sie stellt die Herzfigur ihres Romans vor: den Sinto Zacharias „Zacherl“ Reinhardt – eine zerrissene Persönlichkeit zwischen Opfer und Täter, gezeichnet von den Gräueln der Menschenversuche im KZ Dachau.

Nach Kriegsende versucht er, als Scherenschleifer und Geigenspieler auf einem abgelegenen Hof neu anzufangen, trifft jedoch immer wieder auf Bewunderung gepaart mit Ablehnung und Vorurteilen. Ein kompakter Impuls über schwere historische Verantwortung, die Kunst des Mitgefühls und den Mut, verdrängte Geschichten literarisch sichtbar zu machen.

https://mentoren-verlag.de/autor-in/susanne-schulz/ https://dieschulz.de/autorin/der-unheilige-mond

Transkript anzeigen

00:00:01: Wie entsteht ein Roman?

00:00:04: Woher kommen seine Figuren, seine Schauplätze und die Ereignisse, die eine Geschichte prägen.

00:00:09: In diesem Podcast öffnet die Autorin Susanne Schulz die Tür zu ihrer schriftstellerischen Arbeit.

00:00:17: Die Herzfigur meines Romans so würde ich es beschreiben ist der Sintu-Sacherli Reinhard.

00:00:23: Um ihn rangt sich eigentlich die gesamte... ...Geschichte.

00:00:28: Er isst Im Grunde genommen Katalysator, aber auch Motor der Geschichte Opfer und Täter.

00:00:36: Und er hat eine KZ-Vergangenheit.

00:00:41: Er wurde zu Menschenversuchen im KZ Dachau missbraucht... ...und er ist nach dem Krieg aus dem KZ freigelassen worden.

00:00:53: und durch mehrere Stationen natürlich Krankenhaus Ärzte, Krankenschwestern ist er irgendwann auf einem Bauernhof gelandet.

00:01:06: Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen zum Beispiel aus Pommmern oder Ostpreußen und dort hat er mit den Bauersleuten deren Söhne im Krieg gefallen waren quasi und den Flüchtling gemeinsam die Landwirtschaft bestritt und hat dort auch gelebt.

00:01:25: Und nach und nach sind die anderen Flüchtlinge weggegangen vom Hof.

00:01:28: Die haben sich verheiratet, haben sich eigene Existenzen aufgebaut... ...und letztendlich war er der einzige da noch übrig geblieben ist und für die alten Leute gesorgt hat.

00:01:38: Als sie dann gestorben sind, haben Sie ihn den Hof vermacht!

00:01:41: Und jetzt lebt er alleine auf diesem Bauernhof?

00:01:45: Und verdient sich so ein bisschen Geld als Schierenschleife erfährt in die kleinen Städte und auf die Dörfer...?

00:01:51: und verkauft eben ein paar Waren.

00:01:54: Er jongliert, er spielt Geige, ist eine hervorragende Geiger und er hat immer diesen Schleifstein dabei und das wird von einem Pony wird der gezogen.

00:02:05: Und es ist immer ein großes Spektakel wenn er in diesen kleinen Städten auftaucht und seine Waren anbietet.

00:02:11: und die Leute bestaunen ihn natürlich und sie finden es auch ganz großartig dass er zu solch guten Preisen solche hervorragende Arbeit leistet, aber wenn er auf die kleinen Dörfer kommt dann schließen die Leute ihre Türen und die Gardinen werden zugezogen.

00:02:29: Und natürlich spürt er dass er als Fremder nicht willkommen ist.

00:02:34: und diese Zweischneidigkeit das die Leute einerseits ihn bestaunen und ihm zu jubeln und andererseits ihnen aber als fremden Ablehen vielleicht sogar ein bisschen Angst vor ihm haben und viele Vorurteile haben Das spür der junge Pferdi ganz stark.

00:02:49: Und hier haben wir auch wieder dieses Moment des Passivall, das ich ganz gerne kreieren wollte.

00:02:54: Nämlich dieses Mitgefühl, dass mit Leiden das Sehen des anderen Wesens und der Anderen Seele bei Ferdi dem alles spanisch vorkommt weil er versteht nicht, dass die Leute einerseits sich um diesen Scherenschleifer auf den Marktplatz ringen und ihm zu jubeln und applaudieren und andererseits schlecht über entsprechen.

00:03:17: Viele Lese haben mir mitgeteilt, dass sie sehr berührt von dieser Figur Sache wie Reinhardt waren.

00:03:22: Und ich glaube das liegt einfach daran... ...dass er selbst, obwohl er so ein schweres Schicksal hat, er hatte seine gesamte Familie auch in KZ verloren und Freunde hat er auch verloren.

00:03:35: und nach dem Krieg hat er eben versucht sich eine kleine Existenz aufzubauen Dass er selber nicht die Hoffnung verloren hat auf Gerechtigkeit Nicht verloren hat eines Tages ein bisschen dazu zu gehören.

00:03:51: Mit dieser Figur habe ich eine große Verantwortung gefühlt, weil ich hab da sehr viel recherchiert und muss sagen dass die Recherche an den Themen rund um die Menschenversuche im KZ zum Beispiel Dachau ans Sinti und Roma mich unglaublich belastet haben Und ich hab lange mit mir gerungen ob ich es überhaupt wagen darf Diese Themen einen Roman zu verarbeiten, aber letztendlich habe ich dann entschieden dass ich es machen muss.

00:04:20: Dass meine Verantwortung eigentlich darin liegt wenn ich jetzt schon so viel darüber weiß das ich es eben auch öffentlich machen muss.

00:04:30: Weitere Gedanken Hintergründe und Geschichten von Susanne Schulz gibt es in der nächsten Episode.

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